Probleme und Potentiale im Duisburger Norden – ein historischer Rundgang durch Bruckhausen und Beeck

Grüngürtel Duisburg-Nord

Einführung

Der Duisburger Norden hat keinen guten Ruf. Das gilt für Marxloh und Hamborn. Und es gilt auch für Beeck und Bruckhausen. Der Niedergang der Schwerindustrie seit den 1970er-Jahren hat hier zu massiven ökonomischen, sozialen und baulichen Verwerfungen geführt. Große Teile der Altbebauung aus der Gründerzeit sind noch immer erhalten, vielfach allerdings in desolatem Zustand. Wo andernorts symbolische Inszenierungen der modernen Dienstleistungsgesellschaft entstanden sind, die das industrielle Erbe nur noch als schmückendes Zitat verwenden, ist hier im Duisburger Norden die Industrie weiterhin präsent und prägt das Stadtbild. Früher wohnten in Bruckhausen die Arbeiter aus dem nahen Stahlwerk, heute lebt hier eine prekäre Klasse, die sich mit allerlei einfacher Arbeit und Dienstleistungen irgendwie über Wasser zu halten versucht. Der Anteil an Migranten ist überdurchschnittlich hoch. Wie immer in der Geschichte müssen sich die Zugewanderten zunächst am unteren Rand der Gesellschaft einreihen. Anders aber als in der Zeit des Wirtschaftswunders fehlen Ihnen heute oft die Perspektiven des sozialen Aufstiegs. Weil nirgendwo Geld da ist, vermitteln Bruckhausen und auch Beeck an vielen Stellen ein Bild des Verfalls. Hinter der morbiden Fassade allerdings schlummert viel Geschichte. Sie ist ein Potential. Hinzu kommen die vielfältigen Impulse der Bewohner, der Stadtplaner und der Stadtspitze. Sie alle versuchen in den alten Industriestadtteilen neue Akzente zu setzen. Das macht die Entwicklung in den letzten Jahren spannend. Es lohnt ein Rundgang „off the mainstream“.

Bruckhausen

Wir beginnen den Rundgang in Bruckhausen, am Wilhelmplatz. Wer mit dem Auto kommt, kann hier parken (oder alternativ auf dem Parkplatz Ecke Kronstraße/Arnold-Overbeck-Straße). Der Platz wird überragt vom Turm der Liebfrauenkirche. Sie wurde 1915 nach Plänen des Kölner Architekten Aloys Böll (1878-1951) geschaffen, eines Onkels des Schriftstellers Heinrich Böll. Die Kirche ist in ihrer eigenwilligen Gestaltung ein beeindruckendes Zeugnis des expressionistischen Kirchenbaus. Ende der 1980er-Jahre wurde der Bau durch den Abriss des Kirchenschiffs erheblich verkleinert. Heute finden hier keine Gottesdienste mehr statt. Teile des Gebäudes nutzt die Duisburger Werkkiste, eine katholische Einrichtung der Jugendberufshilfe.

Die Kirche im Rücken, geht es vom Wilhelmplatz aus links auf die Reinerstraße. Zu beiden Seiten der Straße sieht man geschlossene Reihen von Arbeiterwohnhäuser aus der Zeit um 1900, ein beeindruckendes Ensemble mit aufwändigen roten und gelben Stuckfassaden. Über einen nach den Sanierungsmaßnahmen verbliebenen Rest der Edithstraße erreicht man den Grüngürtel Duisburg-Nord. Das Projekt war lange umstritten und ist es teilweise bis heute. Zwischen 2010 und 2015 wurden in einem großen Gebiet entlang der Friedrich-Ebert-Straße Altbauten in Bruckhausen abgerissen. Die meisten Gebäude waren nicht mehr sanierungsfähig, viele standen bereits leer. An ihre Stelle trat ein Park mit weiten Rasenflächen, Spiel- und Aussichtsflächen, Bäumen entlang der asphaltierten Wege und einer Brüstung aus Beton mit lärmschützender Wirkung zur Hauptstraße. Kritik richtete sich vor allem gegen die Zerstörung gewachsener städtischer Strukturen. Tatsächlich mussten für den Park viele alte Bauten weichen, darunter auch denkmalwürdige Einzelbauten (wie die Gaststätte „Schwarzer Diamant“ – Ecke Friedrich-Ebert-/Dieselstraße). Das Ergebnis aber kann sich sehen lassen. Der Charme des alten Arbeiterquartiers ist im Stadtteil noch immer erhalten (vor allem an der Reinerstraße, aber auch in Teilen der Schulstraße). Der Park sorgt heute für eine willkommene Auflockerung und einen Kontrapunkt zur städtebaulichen Verdichtung. Er bietet vor allem Familien Raum für Erholung und Freizeitaktivitäten.

Durch den Park gelangt man (in südwestlicher Richtung) nach ca. 500 Metern auf die Kronstraße. Hier trifft man auf Siedlungsteile Bruckhausens, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts entstanden sind. Sie waren nicht für die einfachen Arbeiter konzipiert, sondern für die leitenden Angestellten des nahen Thyssen-Werks. Am Ausgang des Parks (Wendehammer mit kleinem Parkplatz) steht (Kronstraße 3/5) ein ehemaliges Beamtenwohnhaus von 1903. In seiner Gestaltung und Aufteilung entsprach dieses Gebäude dezidiert bürgerlichen Wohnansprüchen. Es stand hier früher nicht als Solitär, sondern war eingebunden in einen Komplex ähnlich gestalteter Bauten, der um 1900 zwischen Friedrich-Ebert- und Kronstraße entstand. Folgt man der Kronstraße (vom Park kommend links) begegnen nach ca. 200 Metern auf der rechten Seite zwei ähnlich gestaltete Direktorenvillen in Backstein, die in den 1920er Jahren nach Entwürfen des Architekten Peter Grund (später künstlerischer Leiter der Reichsausstellung „Schaffendes Volk“ in Düsseldorf) gebaut wurden. Gegenüber den Villen befindet sich ein großer, hell verputzter Baukomplex mit Beamtenwohnungen, der um 1912 entstand.

Beeck

Der Rundgang führt am Parkplatz rechts über die Arnold-Overbeck-Straße. Wir verlassen Bruckhausen und gelangen nach Beeck. An der scharfen Straßenkurve nach ca. 500 Metern liegt die ehemalige Simonsbrotfabrik. Sie wurde im Jahr 1904 von den Brüdern Arnold und Wilhelm Overbeck errichtet, die hier ihr Vollkornbrot aus Malzkorn backten. Der stattliche Gebäudekomplex wurde bis 1918 mehrfach umgebaut. In den 1970er-Jahren wurde die Bäckerei stillgelegt. Das Gebäude blieb in Familienbesitz und ist heute das Atelier von Cyrus Overbeck. Der Künstler ist erst vor einigen Jahren nach Duisburg zurückgekehrt. In seinen Arbeiten setzt er sich kritisch mit der Geschichte, auch mit der Stadtgeschichte Duisburgs, auseinander

Über einen kleinen Grünzug erreicht man die Friedrich-Ebert-Straße. Der Rundgang führt unter der Autobahn hindurch zur Beecker Kirche (aus dem 15. Jahrhundert) und zum Oberhof. Der Hof stammt in seiner heutigen Form aus der Mitte des 17. Jahrhunderts. Er unterstand dem Stift Essen. Zu ihm gehörten über 20 Bauernhöfe in Beeck, Bruckhausen und Marxloh. Alle diese Höfe mussten im Ausgleich dafür, dass sie das Land bebauen durften, Abgaben an den Oberhof abführen. Der Hof diente auch als Gerichtsort. Bis heute zeugt der Oberhof von der landwirtschaftlichen Prägung Beecks bis weit ins 19. Jahrhundert (um 1800: 340 Einwohner in gut 60 Wohnhäusern). Erst mit der Errichtung des Stahl- und Walzwerks durch August Thyssen 1889 setzte die Industrialisierung in großem Maßstab ein.

Für den weiteren Rundgang überqueren wir die Friedrich-Ebert-Straße und biegen rechts in die Lehnhofstraße ein. Nicht mehr viel zeugt hier von der Geschichte des Stadtteils. Das Gebäude Lehnhofstraße 2 war bis 1969 ein Kino (Beecker Theater). Auf dem Gelände des heutigen Lehnhofparks befand sich der alte Lehnhof, der im Oktober 1944 durch Bombenangriffe zerstört wurde. Bis dahin diente er als Gaststätte mit Saal und Außengastronomie. Links abbiegend in die Weststraße erreicht man nach ca. 500 Metern die Reste eines weiteren Beecker Hofes. Der Straßenname verweist noch heute auf den Kamannshof, dessen Hauptgebäude 1966 abgerissen wurden. Der Rundgang führt über die Straße „Am Kamannshoff“ und ein Stück der Friedrich-Ebert-Straße (links) auf den Beecker Marktplatz.

Im Krieg wurden auch hier viele Gebäude zerstört. Erhalten geblieben ist allerdings (samt der historischen Inneneinrichtung) das neugotische Apothekengebäude von 1894 (Adler-Apotheke). Vom Marktplatz erreicht man über die Karl-Albert-Straße den Festplatz der jährlich stattfindenden Beecker Kirmes. Die Kirmes wurde 1549 erstmals in einem Protokoll des Walsumer Schöffengerichts erwähnt. Die Beecker Kirmes ist neben der Cranger Kirmes vermutlich die bekannteste Kirmes im Ruhrgebiet. Auch heute noch. Entlang der Alten Emscher und durch Kleingärten verläuft der Rückweg nach Bruckhausen. Eine Fußgängerbrücke überquert die A42; die Schulstraße (mit dem repräsentativen Steigerheim, teilweise in historistischem Fachwerk an der südlichen Kreuzung zur Dieselstraße) führt zurück zum Wilhelmplatz.

Fazit

Für den Rundgang durch Bruckhausen und Beeck braucht man etwa zwei Stunden. Man erhält in diesen zwei Stunden einen tiefen Einblick in die sozialen Spannungen, die der Strukturwandel im Ruhrgebiet bis heute hinterlassen hat. Man sieht Armut und baulichen Verfall, aber man sieht auch interessante historische Strukturen, die überlebt haben, weil keine renditeorientierte Bauwut die Stadtteile auf links gedreht hat. Die Stadtentwicklung der letzten Jahre hat einige interessante Entwicklungen in Gang gesetzt; allen voran hat der Grüngürtel die Lebensqualität in den Stadtteilen erhöht. Die jetzt vorhandene Struktur bietet durchaus Voraussetzungen, um Bruckhausen und Beeck in den kommenden Jahren zu urbanen Quartieren mit vielfältiger Nutzung zu entwickeln. Ob die Stadtteile den Weg dorthin finden, ist ungewiss. Momentan dominieren die negativen Vorzeichen. Sollte aber die Anziehungskraft der Städte weiter wachsen, dann wachsen in der Metropolregion des Ruhrgebiets auch die Chancen der Stadtteile, die bislang noch nicht entdeckt sind – Stadtteile mit Geschichte und Charakter.

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