Touristen in der eigenen Stadt: Düsseldorf als Rundgang

Am Sonntag waren wir einmal Touristen in der eigenen Stadt. Und wie es sich für Touristen gehört, haben wir zunächst einmal die Touristeninformation in der Marktstraße angesteuert. Dort haben wir nach einem Stadtrundgang durch die Düsseldorfer Altstadt gefragt – keinen geführten Rundgang, sondern einen Rundgang, den man auf eigene Faust absolvieren kann. (Wir waren kürzlich in den Niederlanden im Urlaub und haben dort sowohl in Leiden als auch in Haarlem schöne Stadtrundgänge anhand eines Flyers vom niederländischen Fremdenverkehrsbüro VVV gemacht). Leider konnten uns die netten Mitarbeiterinnen nicht wirklich weiterhelfen. Es gab nur den allgemeinen (immerhin kostenlosen!) Stadtführer (mit Stadtplan), der allerdings lediglich einen Vorschlag für einen Rundgang „in einer Stunde“ enthält. Wer diesen Rundgang tatsächlich in einer Stunde absolviert, wird wenig sehen und an den meisten Sehenswürdigkeiten nur vorbeihetzen.

Unser Rundgang durch die Düsseldorfer Altstadt

Man sollte sich aber allein schon für die Altstadt etwas mehr Zeit nehmen. Unser Rundenvorschlag dauert etwa zwei Stunden. Er beginnt und endet an der U-Bahn-Haltestelle Heinrich-Heine-Allee (schön zentral und mit allen Verkehrsmitteln gut zu erreichen). Hier warten gleich zwei architektonische Highlights, die beim einfachen Einkaufsbummel nicht immer angemessen gewürdigt werden: Zum einen das ehemalige Warenhaus Leonhard Tietz, 1907 bis 1909 erbaut nach Plänen von Joseph Maria Olbrich. Der monumentale fünfgeschossige Bau (heute Galeria Kaufhof) mit seiner Jugendstilfassade ist ein schönes Beispiel für die frühe Warenhausarchitektur in Deutschland; zum anderen direkt gegenüber am Heinrich-Heine-Platz das 1915 eröffnete Carsch-Haus (ursprünglich Mode- und Konfektionshaus Gustav Carsch & Cie) nach Plänen von Otto Engler. Beide Geschäftshäuser jüdischer Eigentümer wurden übrigens in der Zeit des Nationalsozialismus „arisiert“: Paul Carsch floh 1939 in die Niederlande, wo er untertauchte und den Krieg überlebte; die Familie Tietz floh 1933 über die Niederlande nach Palästina.

Die Flinger Straße & der Schneider Wibbel

Unser Rundgang führt weiter über die Flinger Straße. Hier gibt es einige schöne Häuser, zum Beispiel das Haus zum Kurfürsten (Nr. 36), errichtet 1627 mit schöner Backsteinfassade und Stufengiebel; das Haus wurde die meiste Zeit als Gasthaus genutzt (zuletzt bis Mitte des 20. Jahrhunderts unter dem Namen „Zum Kurfürsten“). Der Flinger Straße folgen wir weiter, bis rechts (auf der Höhe eines Fotogeschäfts) die Schneider-Wibbel-Gasse abzweigt. Die Gasse selbst beherbergt vor allem zahlreiche Restaurants. Ein Besuch lohnt aber nicht deshalb, sondern wegen des Glockenspiels, bei dem sich immer um 11, 13, 15, 18 und 21 Uhr der Schneider Wibbel zeigt (jener Schneider, der wegen einer Beleidigung Napoleons zu einer Gefängnisstrafe verurteilt wurde, diese aber nicht antrat, sondern seinen Gesellen überredete, statt seiner ins Gefängnis zu gehen… – eine ziemlich abstruse Geschichte).

Der Düsseldorfer Marktplatz

Am Ende der Schneider-Wibbel-Gasse führt links die Bolkerstraße auf den Marktplatz. Sehenswert sind hier vor allem das Alte Rathaus im Stil der niederdeutschen Renaissance (1670-73 nach Plänen von Heinrich Tussmann) und das Wohnhaus Ecke Zollstraße, das Johann Wilhelm II. („Jan Wellem“) um 1700 von Matteo Alberti für seinen Hofbildhauer Grupello errichten ließ (daher der Name Grupello-Haus). Von Grupello selbst stammt das Reiterstandbild in der Mitte des Platzes (1711), das „Jan Wellem“ zu Pferd mit Kurhut und Rüstung zeigt. Für den erfolgreichen Guss dankte Grupello einem Gierßjungen, der zuvor die Metallspenden reicher Bürgerinnen und Bürger eingesammelt hatte. Ihm zu Ehren schuf er eine Sandsteinfigur, die 1932 durch die heute noch erhaltene Bronzeskulptur neben dem Grupello-Haus ersetzt wurde. – Von hier lohnt ein kleiner Abstecher am Gießerjungen vorbei in die Zollstraße bis zum Haus Nr. 7 „En de Canon“, das Mitte des 17. Jahrhunderts eine Poststation sowie einen Weinhandel und -ausschank beherbergte. Hier soll auch „Jan Wellem“ Gast gewesen sein.

Der Burgplatz und die Mahn- & Gedenkstätte

Vom Marktplatz sind es nur wenige Schritte zum Burgplatz, wo sich als letzter Rest des 1872 abgebrannten ehemaligen landesherrlichen Schlosses der nordöstliche Eckturm aus dem Jahr 1551 erhalten hat (heute Schifffahrtsmuseum – durchaus empfehlenswert). Sehenswert ist außerdem das Stadterhebungsmonument an der Müller-Schlösser-Gasse Ecke Josef-Wimmer-Gasse. Es zeigt hauptsächlich eine Szene der Worringer Schlacht und soll an die Stadtrechte Düsseldorfs erinnern. Den Burgplatz verlassen wir über die Mühlenstraße. Nach etwa 100 Metern erreichen wir auf

der rechten Seite die Mahn- und Gedenkstätte. Nach grundlegendem Umbau und Wiedereröffnung 2015 beherbergt die Mahn- und Gedenkstätte eine Dauerausstellung „Düsseldorfer Kinder und Jugendliche im Nationalsozialismus“. Diese Ausstellung ist didaktisch und medial vorbildlich gestaltet, der Eintritt ist frei. Aktuell und noch bis zum 18. Dezember zeigt die Mahn- und Gedenkstätte zusätzlich eine Ausstellung mit Fotos des Journalisten Hans Berben, die Düsseldorf in den frühen Nachkriegsjahren zeigen – absolut spannend und sehenswert.

Andreas- & Neanderkirche

An der Ecke Mühlenstraße/Kay-und-Lore-Lorentz-Platz stoßen wir auf die Andreaskirche (ehemalige Jesuiten-Klosterkirche, errichtet 1622-1629). Das Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler zählt diese Kirche zu den „bedeutendsten künstlerischen Leistungen des 17. Jahrhunderts im niederrheinischen Raum“ und tatsächlich lohnt sich ein Besuch nicht zuletzt wegen der reichen Stuckdekorationen, dem barocken Orgelgehäuse (aus dem 18. Jahrhundert) und dem Altar(raum) von Ewald Mataré, der in seiner Schlichtheit einen schönen Kontrast zur barocken Ausstattung bietet.

Weiter geht es über die Hunsrückstraße bis zur Kreuzung Bolkerstraße. Hier kann man sich bei Woyton mit Kaffee (und bei Bedarf auch Gebäck) stärken. Das Ketten-Café ist zwar nicht preiswert, der Kaffee aber ist gut und die Bedienung freundlich und schnell. – Nach einer kurzen Pause schaffen wir auch noch die letzte Station: Die Neanderkirche an der Bolker Straße, erbaut 1683 bis 1987. Unter dem katholischen „Jan Wellem“ musste die reformierte Gemeinde die Kirche versteckt in einem Innenhof errichten. Bis 1679 war in der Gemeinde der Prediger Joachim Neander tätig. Nach ihm wurde die Kirche benannt (und auch das Neandertal bei Mettmann). Wenn die Gelegenheit besteht, lohnt ein Blick in das ruhige und schlichte Innere der Kirche. (In der Altstadt gibt es übrigens mit der 1687 eingeweihten Kirche der lutherischen Gemeinde an der Bergerstraße eine weitere protestantische Kirche im Hinterhof.)

Von der Neanderkirche erreicht man in wenigen Minuten wieder die U-Bahn-Haltestelle Heinrich-Heine-Allee, wo der Rundgang endet (auch wenn man sich natürlich noch viele, viele andere Dinge in der Düsseldorfer Altstadt ansehen kann).

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