Maria Stuarda
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Donizettis „Maria Stuarda“ in Duisburg

Gaetano Donizettis „Maria Stuarda“, 1835 mit mäßigem Erfolg in Mailand uraufgeführt, gehört nicht zu den Blockbustern des Opernrepertoires. Trotzdem bietet das Stück alles, was eine gute Oper ausmacht: schöne Melodien, eingängige Arien, große Chorpartien, emotionale Konflikte und dramatische Zuspitzungen. Foto: Monika Rittershaus

Gaetano Donizettis „Maria Stuarda“, 1835 mit mäßigem Erfolg in Mailand uraufgeführt, gehört nicht zu den Blockbustern des Opernrepertoires. Trotzdem bietet das Stück alles, was eine gute Oper ausmacht: schöne Melodien, eingängige Arien, große Chorpartien, emotionale Konflikte und dramatische Zuspitzungen. Selbst ohne die ganz großen Gassenhauer ist „Maria Stuarda“ eine sehens- und hörenswerte Oper, gut und auch gerade geeignet für Einsteiger. Jetzt hatte das Stück Premiere an der Deutschen Oper am Rhein in Duisburg.

Die Geschichte

Donizettis Librettist Giuseppe Bardari bezog den (historischen) Stoff von Friedrich Schiller. Im Mittelpunkt des musikalischen Dramas steht die Auseinandersetzung zwischen Elisabeth I., Königin von England, und ihrer Cousine und Widersacherin Maria Stuart, die neben der schottischen auch die englische Krone anstrebt. Das Politische wird bei Donizetti vom Amourösen überlagert. Elisabeth schwärmt für den Grafen von Leicester, dessen Herz aber Maria gehört. Maria wird von Elisabeth gefangen gehalten und mit dem Tode bedroht. Leicester rät Maria, sich ihrer Cousine zu unterwerfen und so ihre Freilassung zu erwirken. Diesem Plan steht der Stolz Marias entgegen. Im Aufeinandertreffen der beiden Konkurrentinnen wirft Maria Elisabeth ihre (vermeintlich) illegitime Herkunft vor. Aufgebracht im Zorn und eifersüchtig auf die Liebe Leicesters, unterzeichnet Elisabeth das Todesurteil für Maria, die nach einer Beichte und umfassender Erklärung aufs Schafott steigt.

Maria Stuarda
Oleysa Golovneva als Maria Stuarda. Foto: Monika Rittershaus

Die Musik

Donizetti hat die Geschichte von Elisabeth und Maria in anrührende und eindringliche Musik gefasst. Sie wird in Duisburg auf hohem Niveau präsentiert. Die beiden Hauptdarstellerinnen, Olesya Golovneva als Maria und Mary Elizabeth Williams als Elisabeth, singen mit Brillanz und feiner Differenzierung – Belcanto im besten Sinne des Wortes.  Gianluca Terranova gibt einen ordentlichen Graf Leicesters, bleibt aber stimmlich hinter den beiden Königinnen zurück. Ein besonderes Lob verdienen Giovanni Furlanetto, der den Talbot präzise und kraftvoll ausgestaltet, und der nuancenreiche Chor. Die Duisburger Philharmoniker unter Leitung von Lukas Beikircher spannen ein feines instrumentales Netz, das die Sängerinnen und Sänger gekonnt umrahmt und trägt.

Die Inszenierung

Musikalisch überzeugt die Duisburger Premiere von „Maria Stuarda“ voll und ganz. Bei der Inszenierung hingegen muss man kleinere Einschränkung machen. Guy Joosten präsentiert die gesamte Oper in einem Panoptikum, einem Gefängnistyp des 19. Jahrhunderts, der sich durch allgegenwärtige Überwachung auszeichnet. Das Panoptikum bietet Joosten den Ansatzpunkt für ein changierendes Spiel, bei dem die Gefangene Maria zugleich die mächtige Beobachtende sein soll. Diese Deutung der Oper übernimmt weitgehend kritiklos das Selbstbild Marias als erhabene Heldin. Maria hat die Sympathien des Publikums auf ihrer Seite. Elisabeth handelt unbeherrscht und von ihren Emotionen getrieben. Maria erscheint in ihrem Märtyrertum als die ideelle Siegerin im Kräftemessen der Königinnen. „Gerade durch ihren Tod“, so heißt es im Programmheft, „triumphiert Maria und lässt die unglückliche Elisabeth zurück.“ Ganz in diesem Sinne verewigt Maria schon zu Beginn der Oper ihren Leitspruch auf den Gefängniswänden: „In my end is my beginning.“

Maria Stuarda
Schlussszene – Marias „Martyrium“. Foto: Monika Rittershaus

Doch ist es wirklich so einfach? In der Tat handelt Elisabeth aus niederen Beweggründen. Aber auch Maria ist keine Unbescholtene. Sie hat zuvor gegen ihre Cousine intrigiert und zudem noch ihren eigenen Mann auf dem Gewissen. Die von Talbot abgenommene Beichte reinigt die Heldin nur vordergründig. Das Martyrium der Maria behält bis zuletzt einen bitteren Beigeschmack. Wenn sich am Ende, beim dritten Donnerschlag, die gesamte Bühne in ein Meer von Rot taucht, dann siegt nicht das Gute, sondern es behauptet sich stolz ein Machtmensch in der Überzeugung der eigenen Überlegenheit. Das Bühnenbild Roel Van Berckelaers, das in seiner funktionalistischen Nüchternheit gelegentlich etwas aussage- und ausstrahlungsarm wirkt, verdichtet sich am Ende zu einem starken Signal. Mit dem Bild der ansteigenden Blutsäule lassen sich sofort moderne Terroranschläge assoziieren. Auch im Terror inszenieren sich Verbrecher als Märtyrer und lassen das Böse als Sieg der Tugend feiern. Aus dieser Ambivalenz des Martyriums (zwischen ethischer Selbstbehauptung und Apotheose) ergeben sich viele neue Perspektiven auf die gesamte Oper, stellen sich auch neue Fragen, die zum Nachdenken im Privaten wie im Politischen anregen: Was passiert, wenn man im Konflikt seine ganze Macht ausspielt und dabei sein Gegenüber demütigt? Welche Folgen hat es umgekehrt, wenn man aus Stolz Kompromisse verweigert und die eigene Position mit Radikalität gegen alle Widerstände zu behaupten sucht? Wieviel Egotrip hält dabei auch ein wohlwollendes Umfeld aus?

Bezieht man kritische Distanz zur Selbstdarstellung der beiden Heldinnen, dann offenbart Donizettis Oper – wie Schillers Drama – vielgestaltige Abgründe des Menschen. Dadurch ist „Maria Stuarda“ zeitlos und aktuell. Auch wenn die Inszenierung von Guy Joosten für meinen Geschmack etwas zu eindeutig und geradlinig ausfällt, garantiert die Duisburger „Maria Stuarda“ einen glanzvollen Opernabend. In den nächsten Wochen haben Sie noch mehrfach Gelegenheit, das Stück im Duisburger Theater zu sehen, beispielsweise zwischen den Jahren am Donnerstag, dem 28. Dezember. Karten gibt es ab günstigen 18 Euro (Schüler und Studenten zahlen die Hälfte oder erhalten mit etwas Glück ab 60 Minuten vor Aufführungsbeginn Last-Minute-Karten zum Einheitspreis von 10 Euro).

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